Kunst Therapie Spiritualität

 

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Werke aus dem Dinglinger Haus, Ausstellung "Kunst, Therapie, Spiritualität" in der Christuskirche, Lahr, 13.01.2010

LAHR. Vernissagen locken meistens ein mittelaltes Publikum aus dem Bildungsbürgertum.
Die neueste Veranstaltung in der Reihe "Kunst und Kirche" könnte eine Ausnahme werden. Kinder und Jugendliche aus dem Dinglinger Haus haben nämlich die meisten Exponate in der Christuskirche geschaffen.
"Kunst - Therapie - Spiritualität" lautet der Titel der Ausstellung mit mehr als 100 Arbeiten. Ein Jahr lang, in verschiedenen Etappen, haben sich die jungen Künstler im Dinglinger Haus damit auseinandergesetzt. 230 entwicklungsauffällige und sprachbehinderte junge Menschen
erhalten dort individuelle Hilfen. Dazu gehört das kreative Gestalten in der Kunsttherapie.

Was die Acht- bis 19-Jährigen zustande gebracht haben, wird von Sonntag, 17. Januar an in dem evangelischen Gotteshaus zu sehen sein. Einige Arbeiten stammen von erwachsenen Beschäftigten und von Rentnern des Hauses. Themen wurden nicht vorgegeben, aber Ideen zum Material. Eine geht auf Pfarrer Folkhard Krall zurück. Ihm war vor einem Jahr aufgefallen, dass Sonntag für Sonntag meist die gleichen Menschen in den Gottesdiensten
sitzen. "Da fehlen Menschen, weil sie in einer anderen Welt leben", sagte er am Dienstag bei einem Pressegespräch in der Kirche. Deshalb sollen nun künstlerisch gestaltete Stühle Stellvertreter für jene Menschen sein, die man nicht wahrnehme.

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Die Sache mit den Stühlen kommt gut an (von links):
Folkhard Krall, Holger Henning, Ruth Götz, Ute Krall
Foto: Heidi Fössel

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Ein Gottesdienst mit "Unterbrechungen", Objekte, Fotografien und Gemälde in der Christuskirche, Lahr, Freitag, 26. Februar 2010

LAHR. Kunst in der Christuskirche - daran haben sich die Gottesdienstbesucher nach
zahlreichen Ausstellungen und Projekten fast schon gewöhnt. Doch die Ausstellung, die am Sonntagmorgen eröffnet worden ist, ist - wieder einmal - etwas ganz Besonderes: Objekte, Fotografien und Gemälde von Bewohnern und Mitarbeitern des Dinglinger Hauses sind im ganzen Kirchenraum verteilt.
Etwas verwundert nahmen die zahlreichen Gottesdienstbesucher das Zettelchen mit den
Liednummern am Eingang entgegen. Warum Liednummern? Die werden doch immer auf den Tafeln angezeigt. Aber es ist eben vieles anders in der Kirche, wenn rund 100 Exponate sie zieren. In den Holztafeln stecken kleine Bilder und Objekte, die zumeist Engel zeigen. Immer wieder schweift der Blick fast automatisch dorthin, wenn gesungen werden soll - wie sehr doch auch ein Gottesdienstbesuch Routine sein kann, und wie spannend, wenn diese im Rahmen einer solchen Ausstellung einmal unterbrochen wird.

"Unterbrechungen" ist denn auch das Motto der Ausstellung, und der Gottesdienst greift das auf vielfältige Weise auf. Unterbrochen wird schon das Orgelvorspiel, Charpentiers bekannte Einleitung zum Te Deum, besser bekannt als Eurovisionsmelodie, wird

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In der Christuskirche sind derzeit Werke von
Bewohnern und Mitarbeitern des Dinglinger
Hauses zu sehen.
Foto: Heidi Fössel

von Pfarrer Folkhard Krall im Tenor einer Verkehrsfunk-Meldung unterbrochen: "Warnmeldung: Im Gegenverkehr kann es zu Engelsbegegnungen kommen." Trotz dieser und einiger weiterer "Unterbrechungen" wird aber der Gottesdienst nicht zur Inszenierung, wird kein Spiel getrieben und kein Event daraus gemacht, sondern der Blick der Gottesdienstbesucher gezielt auf die Kunst gelenkt, und zum eigenen Betrachten und Nachdenken eingeladen. Holger Henning, Psychologe des Dinglinger Hauses, bedankte sich bei den beteiligten Kindern, Jugendlichen und Mitarbeitern für die Bereitschaft, ihr Werk in der Öffentlichkeit zu zeigen, und bei der Christusgemeinde für die Zusammenarbeit bei diesem Projekt, die ein Jahr gedauert hat.

Am verstörendsten und zugleich eindringlichsten ist wohl die Textbotschaft, die auf die Wand hinter dem Altar projiziert wird. In einem langen Gedicht erzählt ein Jugendlicher von den Brüchen in seinem Leben, von Gewalterfahrung und eigener Aggressivität, von Hoffnung und Zweifel. Ganz zum Schluss heißt es - gerichtet an sich selbst wie an die Gemeinde: "Fang an zu beten. Vielleicht hast du den allmächtigen Vater in Sicht."

Die Exponate erzählen ihre Geschichte
Auch die anderen Exponate erzählen ihre Geschichten. Die winzigen Engelbilder, manche ganz verschwommen, nur angedeutet, andere wie Comics. Die Stuhl-Objekte, Platzhalter für Außenseiter? Die bemalten "Bohnenstangen", die vor allem durch die Präsentation so edel und wertvoll wirken, erinnern Pfarrer Krall an das fröhliche Herbstfest im Dinglinger Haus.
Auch die Fotografien von christlichen Kreuzen, die als Schmuck getragen werden, lassen durch die Hängung der jeweils vier Bilderrahmen zwischen sich wiederum ein Kreuz frei. So gibt es in der Christuskirche derzeit vieles zu entdecken. Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich.

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